Lernen am Modell

Albert Bandura (*1925) ist der Begründer des Modelllernens. Durch seine „Bobo doll“ Studie, die er 1963 mit Kindern zwischen 3 und 5 Jahren und einer großen Plastikpuppe namens Bobo durchführte, entstand diese Lerntheorie.

1. Ziele

Ziel dieser Lerntheorie ist es, dass sich eine Person durch Beobachten das Verhalten seines Modells aneignet oder diese Verhaltensweisen öfter wiederholt. Ein weiteres Ziel kann sein, dass der/die Beobachter*in ein bestimmtes Verhalten weniger zeigt. Gerade für die Erziehung von Kindern spielt das Modelllernen eine große Rolle – die Vorbildfunktion von älteren Kindern und Erwachsenen kann Kindern dabei helfen, viele Kompetenzen zu erwerben und kulturell erwünschte Verhaltensweisen zu zeigen.

2. So geht das

Der/die Beobachter*in muss das Modell nicht persönlich kennen, es ist aber wichtig, dass er/sie sich mit diesem Vorbild identifiziert. Dies schafft die Motivation, sich das entsprechende Verhalten anzueignen. Vier verschiedene Lerneffekte können auftreten:

Modellierender Effekt: Hierbei wird eine ganz neue Verhaltensweise erlernt. Ein Kind möchte z.B. lernen, Inliner zu fahren. Dazu beobachtet es genau sein Modell und schaut, welche Bewegungen gemacht werden. 

Enthemmender Effekt: Die entsprechende Verhaltensweise ist bereits bekannt, wird aber nur selten ausgeführt. Der/die Beobachter*in wird darin bestärkt, sich häufiger so zu verhalten. Das Kind kann z.B. bereits Inliner fahren, allerdings macht es dies nicht häufig und eher ungern. Bei der Beobachtung, wie beispielsweise die Schwester viel Spaß am Inliner fahren hat, beschließt das Kind ebenfalls wieder häufiger zu fahren.

 Hemmender Effekt: Die entsprechende Verhaltensweise ist bereits bekannt. Durch das Beobachten steigt die Hemmschwelle dieses Verhalten auszuführen, da das Modell eine negative Erfahrung gemacht hat. Wenn das Kind beobachtet, wie sein Vorbild beim wilden Inliner fahren hinfällt und sich eine große Wunde zufügt, wird das Kind darin gehemmt, ähnlich riskant zu fahren.

 Auslösender Effekt: Die entsprechende Verhaltensweise ist bereits bekannt. Diese wird aber erst durch die Beobachtung des Modells ausgelöst (Gruppenzwang). Das Kind hat eigentlich keine Lust weiter das Inliner fahren zu üben. Dadurch, dass seine Peergroup nun aber viel Inliner fährt, lässt es sich mitreißen und fährt mit ihnen mit.

Das Lernen am Modell unterteilt Bandura in zwei Phasen. In der Aneignungsphase (Akquisition) schenkt der/die Beobachter*in seinem/ihrem Modell besondere Aufmerksamkeit und nimmt bestimmte Verhaltensweisen bewusst wahr. Diese merkt sich die beobachtende Person (Retention). In der Ausführungsphase (Performance) wird die Verhaltensweise durch die motorische Reproduktionsphase das erste Mal selbst ausgeführt. Im nächsten Schritt werden die Konsequenzen genauer betrachtet (Verstärkungs- und Motivationsphase). Hier kann zwischen vier verschiedenen Verstärkern unterschieden werden:

Externe Bekräftigung: eine Person lobt dich, weil du Inliner fahren gelernt hast

Externe stellvertretende Bekräftigung: das Modell wird gelobt, weil es gut Inliner fahren kann und du überträgst das Lob auf deine Aktivitäten

Direkte Selbstbekräftigung: Du bist stolz auf dich, weil du Inliner fahren gelernt hast

Stellvertretende Selbstbekräftigung: Das Modell ist stolz auf sich, weil es gut Inliner fahren kann und der/die Beobachter*in überträgt es auf sich

3. Beispiel

Wenn ein Kind neu in eine Wohngruppe kommt, sind viele Regeln noch unbekannt und müssen erlernt werden. Die bloße Aufzählung der Dinge die erlaubt oder auch nicht erlaubt sind, ist vermutlich keine nachhaltige Lösung, um dem Kind diese näher zu bringen. Stattdessen kann sich das Kind zum Beispiel in Essenssituationen durch Modelllernen die Regeln aneignen. Durch Beobachtung der anderen Kinder, oder vor allem durch das Beobachten eines bestimmten Kindes, mit dem er/sie besonders sympathisiert, lernt es zum Beispiel, wann die Kinder mit dem Essen beginnen können, wie sie sich am Tisch verhalten sollen und wann sie wieder aufstehen dürfen. Natürlich wird sich das neue Kind hierdurch nicht alle Regeln auf einmal merken können, sondern benötigt eine etwas längere Beobachtungphase, bis es das beobachtete Verhalten auch ausführt. Durch externe Bekräftigung von Erzieher*innen kann das Kind motiviert werden, das gewünschte Verhalten weiterhin umzusetzen.

4. Fragen, Anpassungsmöglichkeiten und Kritik

Der Erfolg des Modelllernens ist einerseits davon abhängig, wie groß der Unterschied des eigenen Könnens und des Modells ist. Je kleiner dieser Unterschied ist, desto einfacher wird die Nachahmung. Das spricht für Konzepte des Modelllernens in altersgemischten Gruppen. Kinder können besonders davon profitieren, wenn ältere Geschwister oder etwas ältere Kinder in Wohn- und Tagesgruppen etwas schon können, was sie selbst noch nicht beherrschen. Andererseits spielt die Häufigkeit der Beobachtung eine wichtige Rolle. Je häufiger die Verhaltensweise beobachtet wird, desto einfacher kann sie erlernt werden.

Kritisiert wird vor allem, dass die Emotionen der Kinder bei Banduras Konzept des Modelllernens keine Rolle spielen und das seine Studie mit Kleinkindern durchgeführt wurde und die Ergebnisse nicht auf jede Altersklasse übertragen werden könnten.

Leider imitieren Kinder und Jugendliche nicht nur wünschenswertes Verhalten von Vorbildern und Modellen. Gerade in Gruppen werden häufig Kinder und Jugendliche als ‚Role Models‘ betrachtet und bewundert, die problematisches und rücksichtsloses Verhalten zeigen. Auch außerhalb des direkten Umfeldes werden solche Vorbilder und Modelle in der Sport- oder Musikbranche gesucht. Die kulturindustrielle ‚Produktion‘ solcher Vorbilder erzeugt starke Nachahmungsbewegungen, die pädagogisch kaum beherrschbar sind. Insofern muss das Modelllernen nicht selten kritisch hinterfragt werden und Kinder müssen lernen, sich realistisch mit den scheinbaren Kompetenzen ihrer Modelle auseinanderzusetzen.

Bandura führte in einem weiteren Experiment eine veränderte Version seiner Bobo Doll Studie durch. Hier geht es darum, dass Lernen am Modell seiner Meinung nach auch durch Videos oder Trickfilme stattfinden kann. Dieses wurde aber genauer erforscht und konnte widerlegt werden.

 5. Material / Links

 Unter dem folgenden Link wird Banduras Bobo Doll Studie erläutert:

https://eo-vmw-jwpa.ku.de/journalistik/methoden/methoden-der-empirischen-sozialforschung/experiment/beispiele-beruehmter-experimente/beispiele-beruehmter-experimente/

Bei Wikipedia sind weitere Informationen zu Bandura zu finden

https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Bandura

Der nachfolgende Link führt zum Artikel der Studie „The Good, The Bad and the Ugly: A Meta-analytic Review of Positive and negative Effects of Violent Video Games”

https://link.springer.com/article/10.1007/s11126-007-9056-9 

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