Freizeitgestaltung

1. Beschreibung der Herausforderung

‚Freizeit‘ ist der Zeitraum außerhalb der Schul- oder Arbeitszeit, über den eine Person selbstbestimmt verfügen kann; sie ist frei von besonderen Verpflichtungen und kann für Hobbys und Erholung verwendet werden. Es ist eine soziale Errungenschaft moderner Gesellschaften, dass Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ein Recht auf Freizeit und Erholung zugestanden wird, das prinzipiell nicht in Frage gestellt wird.

Eltern und Fachkräfte haben zur Freizeit von Kindern jedoch häufig ein ambivalentes Verhältnis. Sie wollen, dass die Kinder sich optimal entwickeln und möchten ihnen die bestmögliche Unterstützung für ein erfolgreiches Leben mit auf den Weg geben. So würdigen Sie das Recht des Kindes auf Freizeit – gerade in Tages- und Wohngruppen – manchmal nicht angemessen und übertreiben die Förder- und Bildungspflichten des Kindes.

In mittleren und oberen Schichten der Gesellschaft üben Freunde, Bekannte und Verwandte sozialen Druck auf Kinder aus, wenn es darum geht, welche außerschulischen Bildungs- und Förderangebote wahrgenommen werden sollen. Auch Hobbys können so zu viel werden: Klavierunterricht, Reitunterricht, Tennis und viele weitere Vereinsangebote sind Begleiter junger Menschen und führen in der Summe zu Freizeitstress.

In manchen Familien und in manchen sozialen Einrichtungen ist genau das Gegenteil der Fall und das Problem. Der Wert von Freizeit wird gar nicht erkannt und die Freizeitaktivitäten der Kinder interessieren niemanden. Die Kinder sollen einfach nur funktionieren und nicht weiter auffallen.

Für Eltern und Fachkräfte ist die Gestaltung der Freizeit immer wieder eine neue Herausforderung. Es gilt, die Wünsche der Familien- oder Wohngruppenmitglieder zu erfüllen, aber auch zu begrenzen: „Lasse ich das Kind jetzt tatsächlich weiter am Computer spielen?“ Das richtige Maß zu finden, zwischen sinnvoller Freizeitgestaltung sowie Bedürfnissen und Interessen der Kinder, ist eine Herausforderung.

2. Unterschiedliche fachliche Argumente / Bedenken

In ihrer Freizeit können Kinder Erfahrungen machen, die im engen Takt von Bildungseinrichtungen ansonsten zu kurz kommen. So ist z.B. Bewegung wichtig, wenn Kinder den ganzen Tag am Schreib-, Ess- oder Wohnzimmertisch sitzen. In manchen Familien werden Kinder jedoch gerade in der freien Zeit regelrecht vor dem Fernseher oder Computer ‚geparkt‘, mit schlimmen Konsequenzen, die daraus folgen. Sie entwickeln bereits in jungen Jahren Übergewicht und die motorischen Fähigkeiten sowie der Gleichgewichtssinn verkümmern. Freizeit von und mit Kindern sollte daher nach Möglichkeit körperliche Aktivität einschließen.

Schon Theodor Fontane wusste: „Ruhe, Stille, Sofa und eine Tasse Tee gehen über alles.“ Eine selbst bzw. mit Erwachsenen gemeinsam geplante und gestaltete Freizeit soll die Erfahrung von Muße befördern und kindlichem Stresserleben und vielen gesundheitlichen Risiken vorbeugen.

Gemeinsame Aktivitäten mit Freundinnen und Freunden, mit anderen Kindern in einem Verein oder Jugendverband ermöglichen wichtige soziale Erfahrungen und vermitteln Zugehörigkeitsgefühl und Sinnzusammenhänge. Leider können viele Kinder, die einen guten Teil ihrer Zeit in Tages- oder Wohngruppen verbringen, diese Chancen weniger nutzen als andere Kinder. Manchmal ermöglichen die Zeitstrukturen der Einrichtungen keine geregelten Freizeitaktivitäten in Vereinen und Verbänden. Aber nicht nur das: viele Kinder trauen sich nicht in solche Gruppen mit anderen Kindern, haben Angst vor Scheitern oder fühlen sich nicht zugehörig. Anderen Kindern fehlen die sozialen Kompetenzen, um mit Gleichaltrigen in Spiel und Sport Gemeinschaft und Zugehörigkeit zu erleben. Sie ecken schnell an, sind über- oder zu wenig motiviert und geraten schnell in eine Außenseiterrolle.

Insofern ist es auch eine Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe, Kinder in Tages- und Wohngruppen darauf vorzubereiten, außerhalb der Gruppe mit Freude und Erfolg Freundschaften zu pflegen und in Gruppen gemeinsam Freizeit zu gestalten. Manche Kinder brauchen regelrechte Vorbereitung und Übergangsbegleitung, damit sie die Chancen neuer Gruppen und Tätigkeiten nutzen können.

Freizeit kann außerdem ideal dafür genutzt werden, Kompetenzen und Leidenschaften zu entwickeln, die in formalen Bildungseinrichtungen zu kurz kommen. Informelle Bildung geschieht überall und immer, wo Kinder mit anderen gleichaltrigen und älteren Kindern zusammen sind. Diese Lern- und Bildungserfahrungen sind von großer Bedeutung; nicht zuletzt für den Erfolg von Kindern im formellen Bildungssystem.

Die Zeit in der Tages- oder Wohngruppe sollte also einerseits Spielräume für selbst verantwortete und gestaltete freie Zeit der Kinder lassen, aber andererseits auch die Grundlagen dafür schaffen, dass die Kinder diese Möglichkeiten auch nutzen können. Darüber hinaus aber bieten die Kompetenzen der Fachkräfte auch zusätzliche Chancen für soziale Erfahrungen und Kompetenzgewinne der Kinder. Insofern sollten Fachkräfte nicht davor zurückschrecken, eigene Freizeitangebote vorzubereiten, die Kindern aus benachteiligten familialen und sozialen Kontexten ansonsten wenig zugänglich wären.

3. Fragen zum Weiterdenken

  • Viele Freizeitaktivitäten, die Kinder selbst wählen, gehen den Erwachsenen ‚gegen den Strich‘. Was stört und nervt Sie am kindlichen Freizeitleben?
  • Welche Ideen haben Sie, damit Kinder in ihrer Freizeit Neues ausprobieren und Übergänge in andere Erfahrungswelten gelingen können?
  • Wie können Sie in der Tages- oder Wohngruppe eine Balance finden zwischen wirklich freier Zeit der Kinder und gemeinsam gestalteter Zeit, in der besondere soziale, kulturelle und intellektuelle Erfahrungen möglich sind?

4. Lösungsvorschläge

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